Kurzgeschichte – Teil 1

Freitag, 16 Uhr

Endlich schließt sich die Tür und Markus sperrt ab. Für heute hat Mina ihre Ruhe vor genervten Kunden und kann sich jetzt endlich überlegen, welches Kleid sie nachher auf die WG-Party von Tomte und Jacky anzieht. Wieso müssen diese Partys immer nur so spontan sein? Ist ja schön und gut, dass ihre Freunde so spontan sind – sie hasst Spontanität. Mina lebt nach ihrem Kalender und nur wenn sie ihre nächsten Tage sicher voraus geplant hat, kann sie entspannen.
Bevor sie ihren Schreibtisch aufräumt, wirklich die Arbeit verlässt und sich auf zu ihrer Wohnung macht, tippt Mina noch schnell eine SMS an Leon. Hoffentlich ist er schon zuhause und hat etwas zum Abendessen gekocht.
Ihr Handy klingelt. Fast wäre sie rangegangen in dem Glauben, dass Leon sie anruft. Zum Glück wirft sie aber nochmal einen kurz Blick auf die Anrufer-ID und sie sieht, dass Haley anruft. Sie hat jetzt aber wirklich keine Zeit um über die neueste Mode aufgeklärt zu werden, also lässt sie ihre Mailbox das für sich klären. Es wird schon nachher auf der Party reichen, wenn Haley sie wieder mit allen Infos versorgt.
Mina räumt ihren Tisch auf, verstaut die Kundenakten in ihrem Aktenschrank und sperrt den PC. Als sie auf die Uhr sieht ist es 16:35 Uhr. Verdammt in 4 Minuten fährt ihr Bus und bis zur Haltestelle sind es im strengen Tempo mindestens 5 Minuten.

Freitag, 16:37 Uhr

Was für ein Glück. Sonst regt sich Mina ja gerne mal auf, wenn der Bus zu spät kommt, aber heute war es ihre Rettung. Zwischen den ganzen Schülern und anderen Arbeitnehmern quetscht sie sich durch den Bus und findet endlich in der hintersten Ecke einen Sitzplatz. Da vibriert auch schon ihr Handy. Eine SMS von Leon ist eingetroffen.
„Hey Schatz, habe für dich gekocht. Ich bin jetzt schon unterwegs und kaufe mit Tomte Sachen für die Party. Treffen uns dann dort.“
Na das ist ja mal wieder typisch. Wahrscheinlich sieht die Wohnung, insbesondere die Küche, aus wie ein Schlachtfeld und Leon wollte nur schnell von der Bildfläche verschwinden. Da fällt ihr ein, dass sie noch kein Mitbringsel für die Party haben und bevor sie jetzt in fünf SMSen Leon erklärt wo und was er kaufen soll ruft sie ihn lieber an, auch wenn sie damit wahrscheinlich den Hass von mindestens 5 Leuten, die um sie herumsitzen, auf sich zieht.
Es klingelt, aber natürlich geht Leon nicht ran. Wieso hat der Kerl überhaupt ein Handy? Tomte geht immer an sein Handy, also wählt Mina seine Nummer und hört es klingeln.
„Hey Tomte, könntest Du Leon bitte ausrichten, dass er mich zurückrufen soll?“
„Mina?! Hallo. Ähm ja kann ich machen, aber so auf die schnelle wird das nichts und dann ist ja die Party und da kommst Du doch auch?!“
„Ähm. Ok, jetzt bin ich verwirrt. Bist Du denn nicht mit ihm unterwegs?“
„Ja, achso doch. Ach sorry, bin so verpeilt, kennst mich doch. Ich richte es ihm aus. Bye“
Bevor Mina auch nur das T von Tschüss aussprechen kann, hat Tomte schon aufgelegt.
Was war denn bitte das? Also er ist ja wirklich eine der verplantesten Personen, die Mina kennt, aber das war doch selbst für ihn ein bisschen zu komisch. Während Mina noch weiter darüber nachdenkt bremst der Bus und ein Mann samt Aktentasche und Coffee-to-go Becher sitzt plötzlich auf Minas Schoß und übergiest sie mit seinem – wohlgemerkt verdammt heißen – Kaffee.
Natürlich, genau das hat sie heute noch gebraucht. Noch bevor sie ihn aus zusammengekniffenen Augen anfunkeln kann bricht der Typ schon in einen Entschuldigungsschwall aus und springt von ihrem Schoß.
„Oh mein Gott, das tut mir so leid! Wieso bremst der Fahrer denn plötzlich? Oh man, mir tut das wirklich schrecklich leid. Kann ich ihnen helfen? Und das an meinem ersten Tag hier.“
Zwischen dem Getöse im Bus kann Mina ihn zwar nicht so gut verstehen, aber sie hört deutlich, dass der Kerl einen Akzent hat – einen sehr sympathischen wohl gemerkt.
Mina hebt ihren Blick und ist schon ein bisschen besänftigter als sie ihm in die Augen sieht. Als sich sein Blick auf ihren legt, stellen sich ihre Nackenhaare auf. Diese grünen Augen, die so viel Ähnlichkeit mit einem tiefen stillen See haben, sind so geheimnissvoll und interessant. Und sie flehen um Entschuldigung.
„Tja, gebadet hätte ich dann auch schon mal. Vielleicht gibt der Kaffee mir ja den Kick den ich brauche um den heutigen Abend zu überstehen.“
Wo kam denn das jetzt bitte her?! Normalerweise ist Mina nicht so schlagfertig und schon gar nicht zu irgendwelchen wildfremden Typen.
Seine Lippen zucken und auf seinem Gesicht wird ein Lächeln sichtbar.
Er reicht ihr mit zuerst ein Taschentuch um dann sofort hinterher seine Hand hinzustrecken und sich vorzustellen.
„Hi, ich heiße Dan und es tut mir wirklich schrecklich leid.“ Schon wieder dieser niedliche Akzent, wo kommt der Typ nur her.
Da in ihrer rechten Hand das Taschentuch ist verharrt Mina einen kurzen Augenblick und starrt seine Hand an. Dann greift sie umständlich mit ihrer linken Hand seine und stellt sich ebenfalls vor. Ehe sie sich versieht ist sie mit Dan zum Kaffee-trinken verabredet, hat seine Handynummer in ihrem Handy eingespeichert und verlässt, mit Kaffeeflecken auf ihrem weißen Kostüm den Bus.

Freitag, 16:54 Uhr

Völlig verdattert und von den letzten Minuten überrumpelt steht sie an der Haltestelle und versucht ihre Gedanken zu ordnen. Was zum Teufel hat sie nur gemacht, sie hat sich mit einem wildfremden Kerl verabredet. Wenn Leon das auch nur im Ansatz mitbekommt, wird er durchdrehen. Leon war zwar kein Spießer, aber eifersüchtig von den Zehenspitzen bis in die Locken seiner dunkelblonden Haare.
Nachdem Mina ihre Gedanken geordnet hatte, die Nummer von Dan – wenn auch unter zögern – aus ihrem Handy gelöscht und zu mindestens den Rock ein bisschen abgetupft hatte, machte sie sich auf zu ihrer Wohnung.
Und da fiel ihr wieder das komische Telefonat mit Tomte ein. Konnte es sein, dass er überhaupt nicht mit Leon zusammen war? Wenn die zwei nicht einkaufen waren, wo war Leon dann und vor allem, wieso hatte er sie angelogen?

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